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Kreativität in der Corona-Krise: Der #WirVsVirus Hackathon

Holger Montag

Autor:
Veröffenlicht am: 14.08.2020



Kreativität in der Corona-Krise: Der #WirVsVirus Hackathon

Hackathon? Was ist das?

Ein Hackathon bezeichnet eine Veranstaltung, in deren Verlauf Soft- oder Hardware-Lösungen für spezifische Problemstellungen erarbeitet werden. Im Fokus stehen Ideen und Lösungsansätze der Teilnehmer, nicht deren berufliche Vorbildung oder persönliche Ausrichtung. Durch die Zusammenarbeit in lösungsorientierten Teams entstehen Synergieeffekte.

Im März fand unter Schirmherrschaft der Bundesregierung der #WirVsVirus Hackathon statt. Inspiriert durch einen ähnlichen Hackathon in Estland, riefen die Initiatoren die Bevölkerung zu praktischen Lösungsvorschlägen für viele neue Probleme auf, die durch die Corona-Krise verursacht worden waren.

Der WirVsVirus Hackathon

Hacken wir’s an: Die Idee und ihre Förderer

Verantwortlich für den #WirVsVirus Hackathon waren sieben non-profit Initiativen, welche teilweise bereits seit Jahren eine Kooperation mit der Bundesregierung verbindet:

ProjectTogether (Netzwerk aus über 500 ehrenamtlichen Coaches zur Begleitung sozialer Initiator:innen),
Tech4Germany (3-monatiges Fellowship Programm der Bundesregierung; nutzerzentrierte Software-Entwicklung für Ministerien durch ausgesuchte Nachwuchstalente),
Code for Germany (Entwicklung von Open-Source-Software für Behörden),
Impact Hub Berlin (Netzwerk und Beratung),
SEND e.V. (= Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland; Förderung von sozialen und gesellschaftlichen Innovationen),
Initiative D21 (Netzwerk für die Digitale Gesellschaft) und
Prototype Fund (Beratung, Vernetzung und Coaching von Software-Entwicklern).

Förderer des Hackathons und des Umsetzungsprogramms waren unter anderem das Bundeskanzleramt und das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), aber auch renommierte private Unternehmen und Stiftungen.

Kanzleramtsminister Prof. Dr. Helge Braun kommentierte die Entschlossenheit der teilnehmenden Teams später so: „Diese Teilnehmer haben in diesen Stunden das Internet wieder zu dem gemacht, was es einmal war: ein Begegnungsort der besten und offensten Art.“ Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier lobte die Teilnehmer des Hackathons gar als „Heldinnen und Helden in der Corona-Krise“.

Der größte Hackathon aller Zeiten

Der größte Hackathon aller Zeiten

Als die Organisatoren ProjectTogether, Tech4Germany, Code for Germany, Impact Hub Berlin, SEND e.V., Initiative D21 und Prototype Fund im März den „#WirVsVirus Hackathon“ ausriefen, ahnten sie noch nicht, welches Ausmaß das Interesse in der Bevölkerung auslösen würde.

Über 28.000 Bürger beteiligten sich an dem Aufruf, praktikable Lösungen für die vielfältigen Herausforderungen zu erarbeiten, die das Corona-Virus und die Covid-19-Erkrankung an die Gesellschaft stellen.

Etwa 3.000 dieser Herausfordungen wurden zuvor durch das Kanzleramt, die Bundesministerien, das Bundesamt für Bevölkerungsschutz, die Bundespolizei, große wie kleine Unternehmen, Kliniken und Bürger eingereicht. Aus diesen wählten die Organisatoren 800 Problemstellungen aus, die den Teilnehmern als "Challenges" zur Erarbeitung von Lösungsvorschlägen vorgelegt wurden.

Folgende Handlungsfelder wurden von den Organisatoren und dem Bundeskanzleramt als besonders wichtig eingestuft:

Gesundheitsversorgung

Testverfahren, Diagnose und (unkomplizierter) Verlauf

Medizinische Versorgung und Behandlung

Medizinisches Equipment und Ausrüstung

Infektionsketten, Daten und Forschung

Alltag in der Krise

Mentale Gesundheit

Öffentliches Leben

Risikogruppen und besondere Bedürfnisse

Helfer:innen und Ehrenamt

Krisenmanagement

Arbeiter:innen und Arbeitsmarkt

Krisenmanagement von Unternehmen

Staatliche Aufgaben

Kommunikation

Hacker vs. Corona

Ein Fight über 48 Stunden – Hacker vs. Corona

Während die Bundesministerien hauptsächlich Anforderungen zur Digitalisierung verwaltungstechnischer Vorgänge stellten, wünschte sich die Bundespolizei beispielsweise eine Lösung zur Vermeidung von Staus bei den wieder eingeführten Grenzkontrollen. Ideen waren bereits vorhanden, - wie etwa ein Barcode für Berufspendler zur beschleunigten Kontrolle -, für die technische Ausarbeitung fehlte jedoch das Fachwissen.

Ein Wochenende lang (20.-22.03.2020) hatten die Teilnehmer des #WirVsVirus Hackathons Gelegenheit zum Entwerfen ihrer Ideen und zur gegenseitigen Vernetzung. Die Projektideen lagen bereits frei zugänglich vor und viele nutzten das Potential ähnlicher Lösungsansätze, um diese wie auch ihre Teams bei gebündelter Denk- und Arbeitskraft miteinander zu verbinden und gemeinsam voranzutreiben.

Der Wettlauf der Ideen gegen den Lockdown

Nach jenem Wochenende im März wurden von Bund und Ländern Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen beschlossen - und es lagen 1.500 Hackathon-Vorschläge vor, wie man diesen und anderen Auswirkungen der Pandemie mit praktikablen Lösungen entgegenwirken und deren Folgen lindern kann.

Die Bandbreite der eingereichten Projektideen war groß: Digitale Wartezimmer, Management von Krankenhausressourcen, DIY Beatmungsgeräte, Bringservice-Apps für Lebensmittel und Medikamente, Datenpools für Neuinfektionen oder die Online-Schulung für Hilfskräfte in der Pflege zum Beispiel. Oder Video-Besuche bei Altenheim-Bewohnern, 3D-Druck von schwer beschaffbarem Verbrauchsmaterial, Plattformen zur anonymen Beratung bei häuslicher Gewalt, Liquiditätshilfen für Kleinunternehmer oder die erleichterte Beantragung von Kurzarbeitergeld.

Bringservice: Soziales Miteinander und Essen in einem

Mentoren, Experten, Jury: Vorauswahl der besten Lösungen

Vorauswahl der besten Lösungen

Natürlich erwiesen sich nicht alle dieser Ideen als durchführbar. Immerhin handelte es sich bei den Entwicklern in den wenigsten Fällen um Experten, Ärzte oder Ingenieure, und zuweilen scheitern selbst wohldurchdachte und kalkulierte Projekte an der Finanzierung, der technischen Machbarkeit – oder schlicht der Zeit, welche die Umsetzung erfordert.

Um diese Faktoren auszuloten, wurde zunächst durch insgesamt 600 Mentoren und Experten eine Vorauswahl der interessantesten Projekte getroffen, die anschließend durch eine Jury bewertet wurden. Die wichtigsten Kriterien lagen hierbei im Innovationsgrad, dem gesellschaftlichen Mehrwert, der Umsetzbarkeit sowie der Skalierbarkeit, dem dadurch erreichbaren Fortschritt und nicht zuletzt der Verständlichkeit der jeweiligen Lösung.

Testlauf: Der Solution Enabler

Anschließend erfolgte eine Einordnung der Projekte in einzelne Themenbereiche, um sie durch Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik einer weiteren Prüfung zu unterziehen. Unter diesen fanden sich Professoren der Charité ebenso wie Mitglieder des Chaos Computer Clubs sowie Dorothee Bär, Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung.

Sie äußerte sich zuversichtlich, „dass die ausgewählten Lösungen einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung der Krise leisten können.“ Um dies zu gewährleisten und der Testphase eine rasche Umsetzung der Entwürfe in die Praxis folgen zu lassen, wurden die Gewinner ab dem 10. April in den #WirVsVirus Solution Enabler überführt, das Testprogramm des Hackathons. Mit seiner Hilfe wurden die nötigen Voraussetzungen geschaffen, um die Projekte zeitnah realisieren zu können.

Prüfung auf Machbarkeit

Den 20 Gewinnerprojekten des Hackathons war eine Förderung bereits sicher. Alle anderen Projekte mussten sich einem Bewerbungsprozess unter ähnlichen Auswahlkriterien wie beim Hackathon selbst unterziehen. Am Ende wurden 110 weitere Lösungen ausgewählt und bei der Umsetzung unterstützt. Auch nahm man 15 aus dem im Juni ausgerufenen Schul-Hackathon #wirfuerschule hervorgegangene Projekte mit ins Boot, die so an den vorhandenen Unterstützungsressourcen teilhaben konnten.

Der Solution Enabler beinhaltete vier Schwerpunkte:

1. Virtuelle, wöchentliche Meetings (Sprints) unter Teams, deren Lösungen zum selben Handlungsfeld zählten. Jeder dieser Peer-Groups wurden Pat:innen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft als beratende Expert:innen zur Seite gestellt.

2. Bedarfsgerechte Unterstützung mit Ressourcen und Expertise: Über 300 weitere Expert:innen standen für informellen Austausch bereit. Über eine digitale Plattform konnten die Teams außerdem jederzeit Ressourcen wie z.B. Infrastruktur anfragen.

3. Pilotierung und Skalierung der Lösungen mit den Umsetzungspartnern: Die Initiatoren des Hackathons organisierten die Vernetzung der Projekte mit relevanten Institutionen, vermittelten Ansprechpartner und ermöglichten diesen einen Einblick zu innovativen Ansätzen, um diese zeitnah pilotieren zu können. 

4. Bereitstellung von finanzieller Förderung und Engagement-Stipendien: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) stellte Fördergelder in Höhe von ca. 1,6 Mio. Euro zur Realisierung von Projekten und der Deckung von Lebenshaltungs- und Projektkosten zur Verfügung. Die Initiatoren vergaben außerdem Engagement-Stipendien für einzelne Teilnehmer.

Finanzierung und Umsetzung der besten Projekte

Auch das Fastenbrechen ist ein Familienfest

Beraten ist gut, machen ist besser. Dem Solution Enabler folgte alsbald der #WirVsVirus Solution Builder, ein intensives Fast Track Förderprogramm für ausgewählte Projekte aus dem Solution Enabler, denen das größte Potential und die höchste Dringlichkeit attestiert wurden. Diese sollten innerhalb von 8 Wochen mit Hilfe von Patenunternehmen realisiert werden. 

Im #WirVsVirus Matching Fonds wurden derweil Gelder von Unternehmen und Privatpersonen gesammelt, die sich finanziell für den Hackathon #WirVsVirus engagieren wollten. Seit Mai 2020 zahlt der Fond Zuschüsse zu Crowdfunding-Kampagnen, welche Projekte zur Bekämpfung der Corona-Krise unterstützen.

Das #WirVsVirus Umsetzungsprogramm wird finanziell durch das Bundeskanzleramt, das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Google Deutschland, das Vodafone Institut, Urban Impact, Ray Sono, die KfW Stiftung, die Hertie-Stiftung, die BMW Foundation Herbert Quandt, Susanne Klatten sowie Janina und Benjamin Otto gefördert. 

Was läuft?

Aus den 130 geförderten Projekten wurden bislang in die Praxis überführt:

ErnteErfolg (Matching-Plattform für Erntehelfer und ökologisch arbeitende Landwirte)

U:DO (vereinfachte Beantragung von Kurzarbeitergeld – inzwischen auf der Seite der Bundesagentur für Arbeit abrufbar),
Pflegesterne (Vermittlung ehemaliger Pflegekräfte an Einrichtungen),
RemedyMatch (Logistikplattform zur Bestandsverwaltung von medizinischen Schutzartikeln),
Pallia (Virtuelle Sterbe- und Trauerbegleitung),
Lokalkauf (Digitaler Marktplatz für den regionalen Einzelhandel),
JOWOMO (Austausch/Überlassung von Personal zwischen Unternehmen zur Vermeidung von Kurzarbeit),
OpenFoodBank (Netzwerk zum Sammeln und Verteilen von Lebensmittelgroßspenden an Bedürftige) und
Quarano (Dokumentation von COVID-19 Infektionsfällen und Kontaktpersonen für Gesundheitsbehörden).

Matching-Plattform für Erntehelfer

Weitere Projekte befinden sich in der Erprobungsphase. Nach dem Auslaufen der Fördergelder Mitte Juli gilt es für die Teams nun, Partnerunternehmen und –organisationen und andere Unterstützer für die Realisierung ihrer Projekte zu gewinnen. Eine Auflistung und Erläuterung aller vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekte finden Sie hier.

Zwischenfazit

Weltweit: Hackathons gegen Corona

Die überwältigende Resonanz des #WirVsVirus Hackathons bei den teilnehmenden Teams, den Ideengebern und Mentoren, Experten, Förderern und Unterstützern, die selbstlos und unentgeltlich ihr Know-How und ihre Zeit zum Wohl der Gesellschaft zur Verfügung stellten, veranlasste viele andere Länder zum Initiieren eigener Hackathons. Von Belgien bis Indien, Kanada bis Argentinien, der Schweiz bis nach Kolumbien: das Corona-Virus erfordert sowohl regionale als auch globale Problemlösungen. Dem entsprechend folgten die internationalen/-kontinentalen Hackathons EUvsVirus der Europäischen Kommission sowie BuildforCOVID19 der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Prof. Dr. Helge Braun, Chef des Bundeskanzleramts und Schirmherr des #WirVsVirus Hackathons, stellte heraus, das Wichtigste an diesem Wochenende im März 2020 sei „die Solidarität gewesen, das Miteinander mit allen, die unter der Corona-Krise leiden. Die zukunftsgewandte und positive Stimmung und das Gefühl: wir können und wollen gemeinsam etwas schaffen. Und natürlich das riesige Engagement von Einzelpersonen und unseren Unternehmen, die etwas für die Gesellschaft und für unser Land in dieser Situation tun wollen. Wir können als Gemeinschaft viel bewegen. Das macht Mut und Hoffnung.“


Fotos: SIEDA/FOTO by Sousa - iStock.com/SonoCreative - iStock.com/WirVsVirus.org - iStock.com/metamorworks - iStock.com/RapidEye - iStock.com/dardespot - iStock.com/AndreyPopov - iStock.com/patpitchaya - iStock.com/AlexSava - iStock.com/deimagine - iStock.com/rawpixel


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